1.2.1 Die Römer – Das Imperium, Seneca, Cicero und Mark Aurel

Mark Aurel (wikipedia.de)Wenn wir von den Römern sprechen, müssen wir vor allem einen neuen Begriff einführen: Das Imperium. Ein Imperium bezeichnete zunächst den Machtbereich eines römischen Beamten. Das Amt wurde auch als Magistrat bezeichnet, ein Begriff den wir von so mancher Schreibstube auch heute noch kennen. Das Imperium Romanum stellt einen neuen Staatstyp dar, gestartet als Republik, über die Senatsherrschaft bishin zur Willkürherrschaft Neros machte dieses Riesengebilde, das Weltreich der Antike, einiges an Staatsformen durch, ohne jedoch an diesen zu zerbrechen.

Dies hat seine Ursachen in der Art des Staatsaufbaus des römischen Reiches. Eine klare Schichtung der Bevölkerung, die ständige gewaltsame Unterdrückung der Provinzen, immense Maßnahmen im Bau der Infrastruktur. Strassen, Brücken, Wasserversorgung, Häfen und Schifffahrtsrouten der Römer bestehen teilweise heute noch, gepaart mit einem immer anwesenden Kriegsethos und strikten Gesetzen, stabilisierten das Reich über Jahrhunderte und machten ein Staatsgebilde möglich, welches wir erst in der Moderne wieder sehen werden.

Was lernen wir aus dem Römerreich? Nun, erstens, dass ein erfolgreicher Staat nicht auf demokratische Prinzipien gegründet sein muss. Auch Diktaturen können Großes leisten. Zweitens lernen wir, dass eine Staatsführung nicht auf dem Vernunftsprinzip oder der Suche nach dem Guten beruhen muss. Auch die Führung mit dem Schwert, der Intrige, dem rohen Machtprinzip kann, auch über lange Zeiträume, stabil funktionieren. Drittens lernen wir von den Römern, dass Standards wichtig sind, wenn man multikulturelle Teile eines Staates integrieren will. Maße, Währung, Verwaltung und Recht: Nur die Vergleichbarkeit und Tauschbarkeit von Gütern macht einen erfolgreichen Handel im Imperium möglich. Dies erfordert natürlich Rechtssicherheit: Das spätrömische Zivilrecht bildete im kontinentalen Europa viele Jahrhunderte lang die maßgebliche Rechtsquelle und auch das BGB hat seine Wurzeln im wissenschaftlich bearbeiteten Corpus Iuris Civilis.

Weiterhin lernen wir aus Rom etwas über die Psychologie der Massen: Brot und Spiele (Panem et circenses): Der römische Dichter Juvenal kritisiert in seiner Satire das römische Volk, das in der Zeit der funktionierenden Republik die Macht an Feldherren verliehen und Beamte gewählt habe und sich jetzt ängstlich nur noch diese beiden Dinge wünsche. In dem riesigen ovalen Circus Maximus wurden sie mit Wagenrennen unterhalten, während sie sich im Kolosseum an Gladiatorenkämpfen und Tierhetzen ergötzten. Nebenbei wurde auch noch Brot in die Menge geworfen. Ein Schelm, wer dabei an den Kölner Karneval oder „Wer wird Millionär“, oder gar „Big Brother“ denkt.

Für die römische Religion zentral war das göttliche Wirken. Der göttliche Wille konnte sich in allen Lebewesen wie auch natürlichen und gesellschaftlichen Vorgängen und Handlungen äußern, so dass die römische Welt von einer Vielzahl von abstrakten Begriffen – aequitas, concordia („Einigkeit“), honos („Ehre“), libertas („Freiheit“), mens („Geist“), salus („Heil“), spes („Hoffnung“), virtus („Tugend“) – als Funktionsgöttern beherrscht war, die den Menschen kultisch und sozialrechtlich in die Pflicht nahmen. Die innenpolitische Verbindung von Politik und Religion war sehr eng.

Gegen Ende des römischen Reiches manifestierte sich der Wunsch nach einem Gott dann auch in der neuen Staatsreligion: Dem Christentum. Eine fundamentale Änderung im gesamten Denken über den Staat trat ein, doch dazu später mehr.

Von den römischen Denkern wolle wir uns drei etwas genauer anschauen: Cicero, Seneca und den „Philosophenkaiser“ Marcus Aurelius.

Cicero

Cicero studierte Recht, Rhetorik, Literatur und Philosophie in Rom. Nach seinem Militärdienst setzte er seine Studien in Griechenland und Kleinasien fort. Er studierte auch bei den Philosophen der Neueren Akademie. Er kehrte 77 v. Chr. nach Rom zurück und begann seine Karriere als Politiker und Rechtsanwalt und Philosoph. Cicero hatte seinen bemerkenswerten Aufstieg nicht nur seinem großen Rednertalent zu verdanken, sondern auch seinem Ehrgeiz und der oft als Opportunismus angesehenen Anpassung an die politischen Verhältnisse.

Cicero war Republikaner und Gegner Caesars. Er war Senator, Gerichtspräsident und römischer Konsul, welches das höchste Staatsamt während der Römischen Republik war. Cicero gilt als der bedeutendste Vertreter des philosophischen Eklektizismus in der Antike. Sein Denken enthält sowohl Elemente der Stoa wie auch solche Epikurs und anderer Denker.

Der Begriff Eklektizismus ist etwa zur Zeitenwende geprägt worden. Damals existierten verschiedene Philosophenschulen nebeneinander, und es gab Denker und Politiker, die Elemente der unterschiedlichen Positionen miteinander verbanden. So auch Cicero.

Cicero gilt als der bedeutendste römische Redner. 58 Reden sind im Originaltext erhalten, etwa 100 bekannt. Die Texte können grob in politische Reden einerseits sowie Verteidigungsreden vor Gericht andererseits eingeteilt werden, wobei auch letztere oft politischen Hintergrund haben. In seinem ersten erhaltenen Werk (De inventione I 1–5) erklärt er, Weisheit, Beredsamkeit und Staatskunst hätten ursprünglich eine Einheit gebildet, die erheblich zur Entwicklung der menschlichen Kultur beigetragen habe und wiederherzustellen sei.

Cicero trennt also nicht zwischen Rhetorik und Politik – eine Tatsache, die wir uns merken sollten und die uns im Laufe der Staatsgeschichte noch häufiger unterkommen wird.

Er hat einige Schriften zur Rhetorik verfasst, darunter z.B. Brutus, De inventione (Über die Findung) oder De oratore (Über den Redner). Zu Ciceros weiteren Werken zählen Gedichte und Übersetzungen, darunter auch von Platons Texten. Seine Reden bilden zusammen mit Caesars Schriften die Grundlage für das heutige Schullatein.

Nicht weniger wichtig sind aber auch seine theoretischen Schriften über den Staat und über die Gesetze. Auf Ciceros Begriff humanitas, der sich in seiner Rede über die Gesetze befindet, gehen später die Begriffe studia humanitatis für eine ganzheitliche Bildung, und Humanisten, als die sich die italienischen Denker des 15. Jahrhunderts im Zeitalter der Renaissance selbst bezeichnen, zurück.

Besonders meint Cicero mit Bildung aber die Sprache, Rhetorik und Philosophie und damit einhergehend besonders die Tugend. Während der Aufklärungszeit spricht man von Humanität und man meint damit allgemein Menschlichkeit. Dafür gelten als Beispiele Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller. Auch bei Goethe finden wir das wieder.

Für den italienischen Humanismus wird Cicero geradezu zu einem Idol und Vorbild des Menschen der Renaissance. Durch Francesco Petrarca kommt es zu einer Bewegung der Wiederbelebung des klassischen Altertums, wo der Mensch der Renaissance sein „Ich“ im Spiegel des Altertums erkennt. Er beginnt sich als Individuum zu begreifen. (siehe das Kapitel Renaissance hierzu.) Wir erinnern uns an den Satz des Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, den der Humanismus wieder aufgreift.

Der italienische Humanismus breitet sich in ganz Europa aus. Er hat auch auf die Deutschen tiefen Eindruck hinterlassen. Er ist sogar eine der Wurzeln der Reformation. Wichtige Vertreter sind Johannes Reuchlin, Erasmus von Rotterdam und Philipp Melanchthon. Ihr Humanismusbegriff hat aber eine deutlich christliche Prägung.

Wir sehen: Cicero ist die Brücke, über die das griechische Denken in die Neuzeit gelangt. Zusätzlich gibt er uns einen Bildungsbegriff mit, den die neuzeitlichen Bildungsreformatoren aufgenommen haben. Wir sehen auch: es kann eine Einheit zwischen Denken und Handeln geben. Allerdings ist dies streng an den Charakter des Einzelnen gebunden und somit wohl eher als historischer Glücksfall zu werten, denn als allgemeine Doktrin.

Cicero begründet den Humanismus mit und wirkt damit entscheidend auf viel spätere Epochen nach. Wieder einmal stellen wir fest, das Denken Freiräume braucht und sich gegebenenfalls erst hunderte Jahre später voll entfalten kann.

Seneca

Etwa hundert Jahre nach Cicero stoßen wir auf Seneca. Er war römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Er wurde im spanischen Cordoba als Sohn eines römischen Ritters geboren, bald nach Rom „verschickt“, um dort ausgebildet zu werden.

In „Über den Zorn“ schreibt Seneca über die Beherrschung von Emotionen – auch er stellt die Notwendigkeit von Bildung und Übung dar, die bei den Stoikern ja durchaus hoch im Kurs standen. Seneca wurde nach Intrigen für acht Jahre nach Korsika verbannt – eine Zeit in der er die stoische Unterwerfungslehre an eigenem Leib testen konnte. Nach Machtwechseln in Rom und seiner Rückkehr bekleidete Seneca im Jahre 50 n. Chr. die Prätur, die Vorstufe zum Konsulat als höchstem Amt in der römischen Magistratur. Später wurde er Lehrer des Kaisers Nero.

Berühmt ist seine Schrift „Von der Kürze des Lebens“ (De brevitate vitae), in der er den Menschen die Verschwendung ihres Lebens durch unsinnige Dinge unterstellt. Er kritisiert die Genusssucht genauso wie den Geiz oder die Habgier. Die Menschen vergeuden ihre Zeit mit Sinnlosem, So Seneca. Das erinnert uns an den carpe diem Spruch des Horaz, der auch im barock’schen memento mori eine tragende Rolle spielen wird.

Das politische Wirken Senecas ist tragisch: Immer auf stoische Milde, Zurückhaltung und Ausgleich bedacht, muss er erkennen, dass sein Schüler Nero das genaue Gegenteil tut. Als Antwort hierauf entwickelt Seneca die These, dass ein Weiser sich gerade in einer für das Gemeinwesen schwierigen Lage verdient machen könne und dass es den Umständen entsprechend abzuwägen gelte, wann politisches Engagement chancenreich und wann aussichtslos sei. Recht passend dazu hat Seneca auch Tragödien verfasst – er scheint sich seiner Position bewusst gewesen zu sein.

Gegen Ende seines Lebens verfasst er mehrere Schriften, in denen er sein politisches Engagement begründet. Er konstruiert einen Ethos: Die Pflicht eines jeden einzelnen Menschen sei es, a) seinen Verstand anzuwenden und b) der Gemeinschaft zu dienen. Er legt die Grundlagen für das spätere volonté générale des Rousseau, sowie für die Calvinistische Arbeitsethik. Weiterhin zeigt er für seine Zeit recht fortschrittliche Gedanken zur Gleichberechtigung und zur Würde des Menschen, speziell in der Sklavenfrage.

Mark Aurel

Mark Aurel war römischer Kaiser von 161 bis 180 n. Chr. Er ist uns auch als der Philosophenkaiser bekannt und seine Selbstbetrachtungen sind sein Hauptwerk. Bei Mark Aurel schließt sich ein Kreis: Das Denken der griechischen Stoa gepaart mit der Machtpolitik des römischen Imperiums. Insofern stellt die Regentschaft des Philosophenkaisers, zumindest theoretisch, das Paradebeispiel einer, ganz im platonischen Sinne, guten Herrschaft dar.

Freiheit und Gerechtigkeit, vor allem im Sinne gleichen Rechts für alle, gehörten zu den früh angeeigneten und stets beibehaltenen politischen Leitvorstellungen Mark Aurels.

„Severus war mir ein Beispiel in der Liebe zu unseren Verwandten wie auch in der Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe (…), durch ihn bekam ich einen Begriff, was zu einem freien Staate gehört, wo vollkommene Rechtsgleichheit für alle ohne Unterschied herrscht und nichts höher geachtet wird als die Freiheit der Bürger.“ (I, 14)

Worauf es ihm ankam, war ein vernunftgeleiteter und gemeinwohlorientierter Machtgebrauch, der mit den Grenzen der eigenen Kompetenz rechnete und dem größeren Sachverstand den Vortritt ließ bzw. die Problemlösung übertrug.

Seinen philosophischen Überzeugungen entsprechend, konzentrierte Mark Aurel sein Regierungshandeln, solange ihm dies möglich war, auf die inneren Strukturen des Reiches. Das besondere Augenmerk galt dabei den Schwachen und Benachteiligten der römischen Gesellschaft, den Sklaven, Frauen und Kindern, deren Situation er zu erleichtern suchte. Mehr als die Hälfte der überlieferten Gesetzgebungsakte des „Philosophen auf dem Kaiserthron“ zielten auf Verbesserung der Rechtsstellung und Freiheitsfähigkeit dieser Bevölkerungsgruppen. Er lässt also eine Art Sozialstaatlichkeit erkennen.

Was bleibt für uns aus der Herrschaft Mark Aurels? Nun, zunächst die Tatsache, dass absolute Herrschaft eines einzelnen Regenten durchaus gut sein kann. Mehr noch: Auch große Staatsgebilde können aristokratisch vernünftig regiert werden.

In unserer Forderung nach guter Führung stellen wir also bis 200 n. Chr. keine absolute Notwendigkeit zu demokratischen Strukturen fest. Also kann Platons und Aristotoles’ Forderung nach Gutem und Gerechtem doch nicht an der Staats-Form festgemacht werden?

Es muss also eine andere Begründung für die Notwendigkeit von demokratischen Strukturen geben. Nicht Wohlstand, nicht Größe, nicht innere Freiheit, nicht Sicherheit, nicht Sozialpolitik und nicht das Rechtswesen bedingen Demokratie. All das kann auch unter einem weisen Monarchen verwirklicht werden. Warum also überhaupt nach den weiteren Gründen suchen? Wäre es denn nicht damit getan, Strukturen für die hervorragende Bildung von Herrschern zu schaffen, die dann weise und gut das Land regieren? Ganz im Sinne des Platonischen Versuchs, Herrschaft zu züchten? Wir merken uns folgenden Satz:

“Die Begründung von demokratischen Strukturen ist einzig und allein der Schutz vor Willkür”.

Das römische Imperium litt immer wieder unter Intrigen, Morden und (Bürger)Kriegen. Diese wurden vor allem durch charakterschwache Monarchen verursacht. Wir erinnern uns – Macht korrumpiert!, hatte schon der Grieche Herodot bemerkt. Die Unvorhersehbarkeit des Menschlichen zwingt uns, von der Person des Herrschers Abschied zu nehmen.Wie die Menschheit dazu die Mittel entwickelt hat, werden wir noch sehen. Zunächst aber stürzt Europa nach dem Untergang des römischen Reiches in eine ganz andere Zeit.

1.2 Der Untertanenstaat

Alexander der Große, Schüler des Aristoteles, makedonischer König und Tyrann beendete mit seinen Armeen die Zeit der Poleis und begründete das erste uns schriftlich gut überlieferte Großreich. In nur 10 Jahren eroberte er halb Asien, vernichtete das alte Perserreich, gründete zahllose griechische Städte (Kolonien) von Ägypten bis an die indische Grenze. An die Stelle der gebildeten Oberschicht und deren Herrschaft trat die Anbetung eines gottgleichen Herrschers, der mit Feuer und Schwert politische Einheit schmiedete anstatt in Versammlungen über Gerechtigkeit zu debattieren.

Wie so oft  nach dem Tode eines Tyrannen, gelang es den Nachfolgern Alexanders nicht, die Einheit seines Reiches zu erhalten – es schwächte sich zunehmend und zerfiel letztendlich um von der nächsten Großmacht, den Römern, überrannt zu werden.

Über die Philosophie der Römer werden wir uns später noch unterhalten – an dieser Stelle sei die Anmerkung genug, dass im Zuge der Militarisierung des Staates auf gedanklicher Ebene eine Art Gleichgültigkeit oder Resignation eintrat – Die Philosophen zogen sich auf die individuelle Glückssuche zurück – Kyniker, Skeptiker und Stoiker lehrten jeweils in ihren Schulen. Das politische Denken verkümmerte – Askese, Selbstfindung, das rechte Leben standen im Vordergrund der Denker.

Die Griechen beeinflussten das römische Reich dennoch über zwei Jahrhunderte hinweg. Unter der Jugend Roms war es zeitweilig Mode, griechisch zu lernen. Die Stoa beeinflusste römische Denker und begründete von Syrern und Römern getragen den Determinismus. Alles war Vorsehung, auch der schreckliche Herrscher. Dieses Denken ebnete den Weg in den Untertanenstaat

Ursprünglich war Rom ein Stadtstaat unter etruskischer Königsherrschaft. Ab ca. 475 v. Chr. wandelte sich Rom in die res publica, die Römische Republik, ähnlich der Polis, mit einer Gemischten Verfassung aus Demokratie und Aristokratie. Das oberste Amt im Staat übten zwei jährliche Konsuln aus, welche die oberste Regierungsgewalt hatten. Die römische Adelsversammlung, der Senat, spielte eine bedeutende Rolle.

Rom war eine Ständegesellschaft: An der Spitze standen die alten Familien Roms, die Land besitzenden Patrizier, die politisch am einflussreichsten waren. Den größten Teil der Bevölkerung machten aber die Plebejer aus, die nur teilweise politische Rechte hatten. Sklaven wurden nicht als autonom handelnde Menschen, sondern als „sprechende Werkzeuge“ betrachtet, hatten also keine Rechte, konnten aber die Freiheit erlangen.

Durch die militärischen Eroberungen wurden jedoch neue Besitzverhältnisse geschaffen, die das Gleichgewicht in Frage stellten. Letztendlich wuchs Rom nach außen und verkrachte sich nach innen – es gab Eroberungskriege und Bürgerkriege im Innern. Diese Kriege waren teuer – schließlich wurden sie von Söldnerheeren begangen – und so verlagerte sich das Staatswesen mehr und mehr in die Geldwirtschaft – eine neue, reiche Soldatenkaste entstand.

Nach dem Sieg über Karthago geriet die Republik seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in eine innenpolitische Krise, die schließlich in die Epoche der Bürgerkriege mündete und mit dem Untergang der bisherigen Staatsform enden sollte.

Es folgte die Diktatur Sullas, bald darauf das erste Triumvirat der Gaius Iulius Caesar, Gnaeus Pompeius Magnus und Marcus Licinius Crassus, welche eine Art Aristokratie darstellten. Im Jahre 46 v. Chr. hatte sich Caesar dann zum Diktator auf 10 Jahre ernennen lassen.

Nach seinem letzten militärischen Erfolg wurde er zum dictator perpetuus (Diktator auf Lebenszeit), ernannt. Um die Einführung der Diktatur zu verhindern, wurde Caesar 44 v. Chr. von etwa 60 Verschwörern um Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus während einer Senatssitzung erstochen.

Dem Tod Caesars folgten weitere innere Wirren und Bürgerkriege, die bis zum Jahr 31 v. Chr. dauern sollten. Erst 27 v. Chr. mit der Ernennung des Octavian zum Augustus und der Einführung der Diktatur endete der Bürgerkrieg. Rom war 70 Jahre lang de facto von den Legionsführern beherrscht worden und wurde nun vom „princeps senatus“ geführt. Letztlich war das Prinzipat eine verschleierte Monarchie: Augustus verzichtete auf die absolute Macht, ließ vielmehr den Senatsadel daran teilhaben, behielt aber gleichzeitig alle wichtigen Funktionen in seiner Hand.

Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrhundert und zur Herrschaft vieler Nachfolger des ersten Kaisers brachte die augusteische Ära – das Saeculum Augustum – Rom eine lange währende Zeit von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Dies war der Grund, warum die Menschen sich letztlich mit der Einführung der Monarchie und dem Ende der Republik abfanden, zumal der Versuch einer Rückkehr zur republikanischen Ordnung wohl zu einem neuen Bürgerkrieg geführt hätte.

Der Untertanenstaat war geboren.

1.1.3 Das alte Griechenland

Die Schule von Athen (wikipedia.de)Die griechische Antike hat in großen Teilen die Entwicklung unseres westlich-abendländischen Denkens bestimmt. Die fundamentalen Grundlagen unseres Staatswesens – Rationalität, also Vernunftherrschaft, Demokratie – also Volksherrschaft, das Mehrheitsprinzip, das Ämterprinzip, die Geldwirtschaft – alles Fundamente, die sich in der griechischen Polis begründen.

Auch unser wissenschaftliches Denken wird von den Griechen bestimmt: Logik, Deduktionsprinzip, Mathematik und Geometrie – Letztendlich die Fähigkeit, aus der Lebenswirklichkeit Prinzipien abzuleiten, haben wir der Antike zu verdanken. Die Methode der Abstraktion, die auch für dieses Buch von so immanenter Wichtigkeit ist, wurde entdeckt. Die Erforschung des menschlichen Geistes, seine Differenzierung vom Tierischen, die Debatte über das Gute und Gerechte und letztendlich die Frage nach der Unsterblichkeit und Gott bereiten den Weg für alle weitere Entwicklung.

Die griechische Antike stellt ohne Zweifel eine der bedeutsamsten Phasen der Menschheitsentwicklung dar. Ohne sie wäre keine moderne Gesellschaft denkbar. Natürlich hatte auch die Polis ihre Fehler – Sklavenhaltung, Todesstrafe, Frauenverachtung, eine unglaubliche Brutalität und determinierte Schichtenbildung sind nicht gerade die Merkmale einer Gesellschaft, die wir uns heute wünschen.

Aber es gilt festzuhalten, dass das Prinzip der Staatsbildung in den Poleis, und nur dort, frei diskutiert werden konnte. Geistiger Fortschritt braucht immer Freiräume. Nur dort, wo ohne Angst um die eigene Existenz und ohne Diskriminierung durch Herkunft gedacht werden kann – nur dort entwickeln sich Ideen, deren tragweite unter Umständen erst in tausenden von Jahren verwirklicht werden können.

Aufgabe des Politischen muss also sein, diese akademischen Freiräume zu schaffen und zu sichern, diese von der Machtpolitik und der Geldwirtschaft zu lösen und somit die Bedingungen der griechischen Polis, wenn nicht herzustellen, dann zumindest nachzuahmen. Konkret bedeutet dies: Stipendiensysteme für begabte, freie Universitäten und finanziell unabhängige Denkräume.

Doch genug der Predigt: Aus den Philosophien der Griechen resultiert ein Staatsbild, welches unserem Gemeinwesen als Vorlage diente; noch heute haben wir die Polizei und wir argumentieren politisch. Natürlich hat sich die Demokratie im Laufe der Jahrhunderte weiter zu ihrer heutigen Form entwickelt. Doch die Grundlagen des Denkmodells des modernen Staates sind, übrigens im Guten wie im Bösen, in den Staatsmodellen des Platon zu finden. Daran hat auch 2500 Jahre Geschichte wenig zu ändern vermocht.

Allerdings hat sich eines gezeigt: Das positive Menschenbild der griechischen Philosophen war nicht aufrecht zu erhalten. Alle Staatsformen, die Bestand hatten, begründen sich auf das negative Menschenbild der Antike – heutzutage würden wir vielleicht eher von einem „realistischen“ Menschenbild sprechen (müssen).

Es hat sich also die Notwendigkeit zur Herrschaft des Gesetzes vor der Tugend, ganz empirisch, gezeigt. Bemerkenswert ist hierbei zum Beispiel die aktuelle Diskussion um die Oligarchie in Russland: Die Bedingungen und Konsequenzen einer solchen können wir bei Aristoteles direkt nachlesen – eigentlich müsste sich aus der Erfahrung des Politischen jegliche Diskussion zu dem Thema erübrigt haben. Aber das kollektive Gedächtnis der Menschheit scheint ein eher schlechtes zu sein.

Unser Ideenkorb ist also mit den Vorstellungen der griechischen Philosophen prall gefüllt – immerhin hatten diese auch 400 Jahre Zeit, sie zu entwickeln. Wir müssen auch den Überlieferern dieser Schriften dankbar sein – manchmal beschleicht einen der Gedanke an all das, was uns nicht überliefert wurde… zum Beispiel beim Brand der Bibliothek in Alexandria. Weiterhin finde ich es erstaunlich, dass so vieles an Gedanklichem von einzelnen Personen in der Weltgeschichte abhängen kann – Aristoteles war die bestimmende Größe in über tausend Jahren Staatskunde.

Ironischerweise verdanken wir seine Überlieferung den arabischen Philosophen. Der Kalif al-Ma’mun gründete 830 das Haus der Weisheit, ein offizielles Übersetzungs- und Forschungsinstitut, dem eine Bibliothek angegliedert war, Hunayn ibn Ishaq, übersetzte mit seiner Methode u.a. Platon, Aristoteles und Euklid. Auch war etwa Platons Philosophie Vorbild für das politische Denken der Philosophenal-Farabi und Averroes (Walid Mohammad ibn Ahmed ibn Mohammed ibn Rushd), den später Thomas von Aquin häufig bemüht.

Zusammenfassend können wir aus der griechischen Polis folgendes für unser kleines Gedankenexperiment mitnehmen:

  • Der Mensch ist in der Lage, Dinge mit seinem Verstand zu erkennen.
  • Er kann von der Wirklichkeit auf Ursachen schließen, er versteht also einen (einfachen) Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (Kausalitätsprinzip)
  • Es gibt universelle, allgemeingültige, abstrakte Regeln, die die Wirklichkeit erklären können und die Prognosekraft haben (z.B. die mathematischen Sätze)
  • Es gibt einen allgemeinen Seinsgrund. Wir nennen ihn Gott.
  • Der Mensch ist ein soziales Wesen – Menschsein muss erlernt werden. Also ist eine staatliche Erziehung (=Bildung) unabdingbar.
  • Der Mensch als soziales Wesen bildet ethische und moralische Sätze. Er hat also eine Vorstellung von Gut und Böse, von Gerechtigkeit und Recht.
  • Diese normativen Sätze können (und sollen) Staatsprinzipien sein. Also müssen sie kodifiziert werden und somit verbindlich und allgemeingültig. (Verfassung)
  • Ein Staat braucht Herrschaft, ansonsten versinkt er in Anarchie.
  • Die Herrschaft des Gesetzes ist die beste Herrschaft. (Abstraktion)
  • Die Gesetze werden vom Volk bestimmt (Demokratie)
  • Überschreitungen der Gesetze müssen geahndet werden, also braucht das Gesetz eine Repräsentation. (Justiz)
  • Das Volk repräsentiert die Gesetze (Geschworenengerichte und Laienrichter)
  • Die Gesetze müssen überwacht werden (Polizei)
  • Die Gesetze müssen verteidigt werden (Armee)
  • Ämter müssen für alle offen stehen und bezahlt werden.

Wir sehen also, dass ziemlich viele Elemente eines modernen Staates aus der Polis zu rekonstruieren sind. Natürlich sind diese Elemente de facto in der Polis nie gemeinsam aufgetreten. Wir sind einfach so frei und picken uns die Rosinen aus dem Kuchen. Das tun wir sogar mit gutem Gewissen , denn noch unterliegen wir keinem protestantischen Arbeitsethos ;-)

Was nach der griechischen Antike folgt, ist eine Zeit der Machtpolitik – ein Konzept, welches die Stadtstaaten wenig beschäftigt hat, schließlich hatten sie auch nie die Probleme einer Großmacht zu bearbeiten. Das ändert sich mit dem Reich Alexanders des Großen und gipfelt in der Weltmacht Rom. Es entwickelt sich ein ganz anderer Staat – der Untertanenstaat. Diesen wollen wir als nächstes etwas näher beleuchten.

1.1.2 Aristoteles

Aristoteles (wikipedia.de)Aristoteles – Politik ist die Seele des Staates

Aristoteles lebte um 350 v. Chr. in Athen. Er gehörte zwanzig Jahre lang der Akademie Platons an, verließ 347 v. Chr. Athen, bevor er dann zum Lehrer des damals 13jährigen Alexander des Großen wurde. Er verfasste mindestens 500 Schriften, von denen nur wenige im Original enthalten sind, darunter Vorlesungsmanuskripte.

Aristoteles ist also Lehrer und Gelehrter zugleich, das verschafft seinen Schriften einen anderen Stil als den Philosophen vor ihm. Er ist der erste Analytiker, der uns begegnet. Er unterteilt in seinen Studien die Natur in Form und Inhalt, er stellt Kategorien auf, er systematisiert Begriffe, er erfindet die philosophischen Kategorien Stoff und Form, die ihrerseits Möglichkeit und Wirklichkeit repräsentieren. Der Stoff ist also die Möglichkeit der Form – oder: Der Marmorblock ist die Möglichkeit der Statue des Davids (von Michelangelo). Für uns hieße das: Das Denken ist der Stoff, also die Möglichkeit, des Staates und die Verfassung ist seine Form.

In diesem Konzept ist Entwicklung die Mehrung von Form im Stoff, die Bearbeitung des Marmorblockes hin zur Statue also. Wir spüren einen Entwicklungsbegriff im System des Aristoteles – Entwicklung hat bei ihm eine Richtung – zum Guten. Das sollten wir in unseren Korb legen. Im Gegensatz zu Platon, bei dem alles Gute absolut und statisch war, eröffnet sich bei Aristoteles endlich der Weg der Entwicklung zum Besseren.

Dass die Entwicklung leider nicht nur zum Besseren verläuft, zeigt uns die Geschichte – das stellten später die Denker der Neuzeit auch fest.

Das Absolute ist bei Aristoteles: Gott. Der „unbewegliche Beweger“, der Fixpunkt im Universum, das Ganze in Einem. Dieses Denken hat der Kirche über die Jahrhunderte besonders gefallen. Daher ist Aristoteles auch zum Begründer des Dogmatismus der christlichen Kirchen gemacht worden.

Aristoteles führt die uns geläufige Trennung des Menschen in Körper, Geist und Seele ein. War vorher das Geistliche immer nur eine Kategorie, so haben Religion und Vernunft nun getrennte Bereiche im menschlichen Sein. Das ist für die Moderne von allergrößter Bedeutung, wie wir noch sehen werden. Bei Aristoteles ist also die Seele die Form des Körpers. Seele begründet Wesen – sie ist das Organisierende der Form. So macht die Seele das Auge sehend, denn das Auge an sich sieht nichts, das Sehen funktioniert nur in Verbindung mit dem restlichen Körper.

Seele ist bei Aristoteles also dasjenige, was die Summe der Einzelteile zu einem funktionalen Ganzen verbindet. In diesem Satz liegt eine grundlegende Erkenntnis versteckt: Das Ganze ist ist tatsächlich mehr als die Summe seiner Teile.

Der Geist hingegen ist das Prinzip, nach dem die Seele funktioniert: Im Geiste haben also Mathematik, Logik und Syntax ihren Platz.

Wenn wir nun das Aristotelische System auf den Staat übertragen, dann könnten wir zur folgenden funktionalen Teilung kommen: Das Gesetz ist der Geist des Staates, das Volk der Körper (=der Stoff) und die Politik die Seele (=die Form)

Also finden wir nach Aristoteles den folgenden Satz: Die Politik ist die Seele des Staates. Ein schöner Satz, finden Sie nicht?

 

Aristoteles gibt uns noch einen weiteren Punkt mit: Für den Individualismus entscheidend ist die Überlegung, was denn das Gemeinsame und das Trennende sei – Der Geist ist uns allen gemein – eine mathematische Formel ist für jeden gleich, was uns unterscheidet ist seelisch und laut Aristoteles, irrational. Der eine mag halt Suppe und der andere Salat. Dafür gibt es keine universelle Begründung.

Warum ist das für uns eine wichtige Erkenntnis? Nun, wollen wir einen Staat konstruieren, müssen wir auf allgemeingültige Sätze zählen können. Also muss das Konstruktionsprinzip des Staates die Vernunft sein – oder aber in den aristotelischen Kategorien, der Geist.

Uns verbindet mit Aristoteles der Gedanke an die Gültigkeit von Abstraktionen – letztendlich sind die mathematischen Gesetze auch solche.

Der früher oft vorgebrachte Gedanke, das der Geist bei Aristoteles das Göttliche sei, und somit ein Gottesstaat rational begründbar wäre (siehe weiter vorne Thomas von Aquin) ist falsch. Der aristotelische Gottesbegriff hat wenig mit unserem gemein, für ihn war das Göttliche eher eine geistige Kategorie, während für uns Gott eine personifizierte Moralinstanz bedeutet.

Aristoteles erforscht also „das Gute für den Menschen“, wobei auch er das Gemeinwohl höher setzt. Der Mensch ist laut Aristoteles ein politisches Wesen (zoon politikon), welches im Unterschied zu den Tieren auch zielgerichtet Handeln kann. Er handelt also teleologisch.

Ziel dieser Handlung ist „eudaimonia“, das Glück. Interessanterweise finden wir dieses Ziel der Glückseligkeit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wieder. Dort heißt es:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ („Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.)

Aristoteles, ganz in seiner Art, teilt auch die Glückssuche in drei Teile auf: 1. die Genusssucht (Hedonismus), 2. das Politische (bios politikos), 3. das kontemplative Leben (bios theoretikos). Welches Glück soll der Mensch nun suchen? In seiner Ethik entwickelt Aristoteles die These, das Glück nur um des Glückes willen angestrebt werden soll – der Hedonismus als Triebbefriedigung scheidet somit aus. Also bleiben zwei Alternativen: das gerechte und gute Handeln in der Gemeinschaft und die kontemplative Erkenntnisschau nach innen. Das nennt Aristoteles das „theoretische Leben“, wozu nur wenige in der Lage seien. Daher bleibe für die meisten Menschen zum Glück nur das politische Leben möglich.

Hier wird also eine ethische Handlungstheorie begründet. Auch diese wird uns noch weiter beschäftigen. [1]

Aristoteles löst den oben angesprochenen Konflikt zwischen der Individual- und der Gemeinschaftsebene, in dem er Gemeinschaft über die Freundschaft konstruiert. Der Mensch handelt zum Guten hin – also behandelt er seine Freunde altruistisch, ohne Eigennutz. Tun dies alle, dann entsteht die ideale Gemeinschaft. Tun alle dies im politischen Leben, dann entsteht der ideale Staat. So überträgt Aristoteles das Prinzip der teleologischen ontologischen Seelenlehre, nach der die göttliche Seele zum guten Handeln bewegt auf den Staat.

Allerdings sah auch Aristoteles, das diese Modell nur unter optimalen Bedingungen funktionieren konnte – in der Politik untersucht er die Bedingungen, unter denen sein Modell verwirklichbar wäre. Er vergleicht die existierenden Verfassungen seiner Zeit und kommt zu folgendem Ergebnis:

  • Die Einteilung der Staatsformen (Monarchie, Aristokratie, Demokratie) übernimmt er von Platon.
  • Die beste Polis ist die, in der das beste Leben verwirklicht wird.
  • Die beste Polis ist nicht gleichberechtigt, sie ist eine Klassengesellschaft
  • Im Unterschied zu Platon findet Aristoteles nur die negativen Verfassungen Demokratie (Herrschaft der Armen), Oligarchie (Herrschaft der Reichen) und Tyrannis (Herrschaft der Willkür)
  • Als Ergebnis der Analyse der real existierenden Verfassungen konstruiert er die „Politie“ als Mischung aus Demokratie und Oligarchie.
  • Dabei gelten folgende Prinzipien: Institutionen werde gemischt besetzt – die Armen werden bezahlt, wenn sie staatliche Ämter übernehmen, es herrscht das Gesetz und es gibt einen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft zur Bildung einer Mittelschicht.

Wir halten aus dem aristotelischem Denken folgendes fest: Die Bildung eines Staates erfordert menschliches Handeln. Es gibt dabei das Ziel der Glücksfindung. Dieses Ziel kann durch das politische oder theoretische Leben erreicht werden. Das politische Leben setzt eine Gemeinschaft voraus – ergo kann der Mensch nur in einer funktionierenden Gesellschaft glücklich werden. [2]

(HIER GEHTS BALD WEITER)

1.1.1 Platon

Platon (wikipedia.de)Platon – Die Welt und die Idee

Als einer der drei großen griechischen Philosophen begegnet uns Platon. Platon lebte um 400 v. Chr. In Athen; er war also Athener Bürger. Geprägt durch die Hinrichtung des Sokrates, des großen In-Frage-Stellers des alten Athen, dessen Schüler Platon wohl war, begann er politisch aktiv zu werden. Er fing an, nach der Gerechtigkeit zu suchen – vornehmlich in Form des guten und gerechten Staates. Platon war Gründer der Akademie – einer Lehrinstitution, in der Mathematik, Rhetorik und Philosophie unterrichtet wurde.

Platons Werke sind uns alle überliefert. Er hat sie in Dialogform verfasst, und der Schaffungszeitraum erstreckte sich über erstaunliche 50 Jahre. Die Philosophie teilt seine Werke in drei Epochen – Jugend-, Übergangs- und Reifezeit. Bemerkenswert an Platon ist, dass er im Laufe seines Lebens auch seine Erkenntnisse revidierte, dazu aber später mehr.

Platons Ruhm begründet sich zunächst auf die sokratischen Dialoge. Der frühe Kriton behandelt Platons Lieblingsthema Recht und Gerechtigkeit; Sokrates sitzt verurteilt im Gefängnis und man möchte ihm die Gelegenheit zur Flucht geben, damit er so dem Tod entkommen kann. Doch nach einem Dialog Sokrates’ mit den Gesetzen Athens kommt er zu dem Schluss, der Einzelne habe sich aus moralischer Tugendhaftigkeit der Allgemeinheit zu unterstellen und er dürfe auch dann nicht gegen die Gesetze handeln, wenn er zu Unrecht beschuldigt würde.

Platon stellt also den damals unabänderlichen, göttlichen Ursprung des Gesetzes über das Recht des Einzelnen. Er nimmt den „impliziten Vertrag“ des Individuums mit der Gemeinschaft vorweg, nachdem jeder, der in einem Staat lebt, sich freiwillig und unkündbar dessen Gesetzen unterwirft und diesen Vertrag auch nicht brechen kann. Folglich stirbt Sokrates, ungerechtfertigt aber tugendhaft.

Wir nehmen aus dem Kriton-Dialog zwei Dinge mit – erstens die Frage nach der Gesetzesherrschaft und zweitens die Frage nach dem Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Beides wird uns bei später im Form der Vertragstheorie auch in der Moderne wieder begegnen.

In unserem Wertesystem ist das zu-Unrecht-Sterben für die Gemeinschaft eher ein Auslaufmodell – wir sehen es eventuell noch bei Wehrpflichtigen im Kampf-Einsatz – aber in anderen Kulturkreisen, und der moslemische drängt sich natürlich hier geradezu auf, ist das Martyrium heute mehr en vogue denn je.

Platon liefert uns im Kriton zunächst nur die Fragen – Antworten bleibt er uns weitgehend schuldig. Sokrates’ Lösung, sich unter allen Umständen den Gesetzen zu beugen ist unbefriedigend – schließlich wäre so jedes Mitläufertum zu rechtfertigen.

In der Politeia, dem Staat, sucht Platon, jetzt in seiner mittleren Phase, nach dem idealen Staat. Er entwirft eine Utopie mit dem Ziel, die Gerechtigkeit zu definieren, die er im idealen Staat zu finden glaubt. Für Platon ist der Staat der „großgeschriebene Mensch“, er argumentiert organisch. So hat in seinem Staat jede Bevölkerungsgruppe ihren Fähigkeiten entsprechende Funktionen: Die Bauern ernähren (Bauch), die Krieger beschützen (Hand), die Philosophen herrschen (Kopf). Sie sehen: Platons Staat ist ein Ständestaat mit organischem Vorbild.

Wie kommt er aber zu dieser Konstruktion? Nun, er konstruiert einen Begriff der Gerechtigkeit, der in etwa so lautet: Gerechtigkeit ist, wenn jeder seinen Beruf oder seine Berufung ausübt. Das erinnert uns doch sehr an die Nietzsche-, und Nazi-Parole: Jedem das Seine. Aufgabe des platonischen Staates ist es also, den Beruf des Mannes zu bestimmen. Wohlgemerkt – Die Berufung ist ex ante determiniert, also qua Geburt vorbestimmt, klassengebunden und der Einzelne kann sie nicht beeinflussen. Das, lieber Leser, erinnert uns doch verdammt deutlich an die Arbeiter-, und Bauernparolen des Kommunismus der 1950er Jahre.

Platon führt in seinem Idealstaat, der übrigens eine harte Zensur hätte – nur die (für Platon!) „richtige Musik“, keine Dramen, keine Trauerspiele und so weiter; Platons Staat wäre kommunistisch und totalitär, sogar das Alter der Fortpflanzung wäre staatlich festgelegt: Frauen 20-40 Jahre, Männer 25-55 Jahre, außerhalb dessen wäre Sex verboten, und die Partner würden staatlich verteilt. Platon würde die Kinder in staatlichen Einrichtungen in ihre Berufungen “züchten”. Auch das klingt irgendwie wieder modern, nicht wahr?

Trotz all dieser für uns undenkbaren Forderungen tut Platon auch etwas Modernes: er führt die vollkommene Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ein. Das wollen wir doch unbedingt in unseren Ideenkorb legen.

Platon hat uns aber doch noch mehr zu bieten: Er erfand neben der Utopie auch die Ideenlehre. Dernach besteht die Wirklichkeit eigentlich aus zwei Welten: Die Welt der Dinge und die Welt der Ideen. „Warum also erkennst du, dass ein Pferd ein Pferd ist? Weil du die Idee Pferd im Pferd siehst und diese Idee war vor dem Pferd da, ist ewig und verändert sich nicht. Daher wirst Du in jedem Pferd die Idee Pferd ewig erkennen“. So oder so ähnlich lautet eine Metapher, mit der die Ideenlehre begründet wird. Eine weitere berühmte ist das Höhlengleichnis des Platon: Die Menschen als Nicht-Philosophen sind Gefangene in einer Höhle und sehen nur durch das Feuer Schatten von Gestalten an der Wand. Irrtümlich, also in ihrer Unwissenheit, halten sie die Schatten für die realen Figuren – sie sehen eben nur die Reflexion der echten Menschen. So sehen wir als Reflexion der Ideen die Welt, meint Platon.

In Platons Körper-Analogie hat die Seele ihre Erkenntnis in der Ideenwelt – Der Mensch hat somit Vernunft. Die Vernunft ist absolut und ewig. Wenn er also einen Staat nach seinem Vorbilde baut, dann ist auch der Staat mit „Idee“ gebaut – von Vernunft. Das begründet die „Politeia“ den guten und gerechten Staat.

Bei Platon herrschen am Ende die Philosophen – die weisen Herrscher. Na ja, davon hat die Welt schon zu viele gesehen – auch unser Philosoph muss dieses im Laufe seines Lebens feststellen und seine Einstellung ändern.

Wir nehmen aus der Politeia aber folgendes mit: Bei der Staatskonstruktion hat der Mensch offensichtlich sowohl ein Gerechtigkeits- als auch ein Erkenntnisproblem.

Älter und weiser geworden verfasst Platon die dritte für uns wichtige Schrift: Die Nomoi, die Gesetze. Die Nomoi sind Platons „Staat 2.0“. Geläutert durch seine Lebenserfahrung stellt Platon fest, dass er die Vernunft des Menschen falsch eingeschätzt hat. Ich würde an dieser Stelle sagen, er hat sie nicht nur falsche eingeschätzt – er hat sie auch falsch begründet. Vernunft ist, so haben wir bis heute gelernt, eben nicht absolut, nicht individuell und nicht seelisch. Vernunft ist das Ergebnis eines Lernprozesses. Menschen müssen zunächst das vernünftige Denken lernen – und in unserer Welt heißt das vor allem selbständig Denken lernen. Dazu haben wir ein Bildungssystem entwickelt, welches einen Lernprozess in Gange setzt, als dessen Ergebnis dann eine moderne Vernunft des Einzelnen entwickelt werden kann. Bei Platon war die Vernunft von vorneherein gesetzt uns somit statisch.

Des Weiteren haben wir, mit einigen Problemen, das gebe ich gerne zu, gelernt, das Individuelle und das Gemeinsame zu trennen. Wir wissen heute, das kollektive „Vernunft“ etwas grundlegend anderes sein kann als individuelle „Vernunft“. Mehr noch – in der Spieltheorie (( http://de.wikipedia.org/wiki/Spieltheorie )) die in den letzten Jahrzehnten mit fünf Nobelpreisen bedacht worden ist!, haben wir festgestellt, dass es Situationen gibt, in denen der Einzelne für sich vernünftig, oder wie die Wissenschaftler sagen, rational, handelt – aber die Gemeinschaft als Ganzes dadurch zerstört wird. Der Psychologe spricht z.B. von „infantiler Regression“, wenn Zuschauermassen in Fußballstadien, die sich als Einzelne durchaus vernünftig verhalten, in der Gruppe plötzlich anfangen zu randalieren.

Es gibt also einen Unterschied im Allgemeinwohl und im Wohl des Einzelnen. Selbst mit der gleichen Zielsetzung (=maximaler Wohlstand für alle) und den gleichen Mitteln (=z.B. Konkurrenz) kommen wir eben nicht zwingend zum gleichen Ergebnis. Hier hat die moderne Wissenschaft Platons Modell gnadenlos widerlegt. Den Widerspruch zwischen Einzelinteressen und Gemeinwohl wird in den Sozialwissenschaften als Mikro-Makro-Problem diskutiert – er hat weitreichende Konsequenzen bis in wissenschaftliche und erkenntnistheoretische Methoden hinein. Der Widerspruch ist bis heute nicht geklärt und bedarf weiterer Forschung. Wir kommen darauf noch zurück.

Warum ist dies alles für unser kleines Gedankenexperiment so interessant? Nun, eine unserer Grundthesen ist, dass nur die Setzungen des Gemeinwohles für die Konstruktion der Institutionen eines Staates herangezogen werden können, während der Staat an sich auf die Schutzrechte des Einzelnen begründet. Also haben wir das Mikro-Makro-Problem auch in der Staatsbildung. Ein Faktum, welches dem frühen Platon noch unbekannt war.

In den Nomoi verändert er daher seine Sichtweise – vom „idealen Herrscher“ geht er über zur „Idealen Herrschaft der Gesetze“. Platon hat im Laufe seines Lebens gelernt- er argumentiert jetzt aus seiner Erfahrung, der Wissenschaftler würde sagen, empirisch. Er analysiert die existierenden Verfassungen seiner Zeit und kommt zu folgendem Ergebnis: Die beste Verfassung ist die Monarchie des vernünftigen Herrschers, die zweitbeste die Aristokratie, also die Herrschaft einer vernünftigen Gruppe, die Demokratie – also die Herrschaft aller steht an letzter Stelle in Platons Hierarchie. Diese Rangfolge gilt aber nur unter der Prämisse eines positiven Menschenbildes – kehren wir die Prämisse um, so ändert sich nach Platon auch die notwendige Staatsform: In diesem Fall bietet die Demokratie den besten Schutz vor dem schlechten Herrscher, dann die Aristokratie und die schlechteste aller Staatsformen überhaupt ist bei Platon die „entartete Monarchie“, die Schreckensherrschaft, die Tyrannis.

Wie wir sehen, hat die politische Wirklichkeit der letzten 2500 Jahre eindrucksvoll das negative Menschenbild bestätigt. Dies wird, empirisch begründet, unsere Forderungen nach Machtkontrolle und Menschenrechten entscheidend prägen.

In den Nomoi ist Platons Staatsziel also die gute Gesetzesherrschaft, derer das Volk freiwillig folgt und die Verhinderung von Machtmissbrauch. Diese als Staatsziele nehmen wir in gerne unseren Ideenkorb mit auf.

3.1.1 Über die Gesetze

Gesetze sind abstrahierte Sätze von Normenbegrenzungen. Einerseits definieren sie positiv, also als ius positivum, Normen und Tatbestände, andererseits definieren sie deren Grenzen und Sanktionierungen bei deren Überschreitung.

In der Abgrenzung zum göttlichen Gesetz, dem ius divinum, das lange Zeit auch in Europa als unabänderliche Rechtsgrundlage galt (in Teilen Deutschlands galt das römische Recht bis 1900!), und dessen Teile immer noch in einigen Landesverfassungen mitschwingen, ist das positiv GESETZTE Recht menschengemacht, unvollkommen und änderbar. Die dritte uns schon aus der antike bekannte Rechtsart ist das Naturecht, nach welchem jeder Mensch durch seine Geburt Rechtsträger ist.

In modernen Gesellschaften hat sich das gesetzte Recht durchgesetzt. Das hat natürlich weitgehende Folgen für die Gesellschaften, die unter diesen kodifizierten Regeln leben: Der Handlungsrahmen sowohl des Einzelnen, der Gruppen wie auch der Gesellschaft werden durch Normen bestimmt, die die Bevölkerung bestenfalls über frei gewählte Vertreter selbst bestimmt.

Das abstrakte Recht als gesetzter Akt ist also das Fundament jeglicher moderner Gesellschaftsordnung und das Ergebnis einer gesellschaftlichen Denkaktivität über 2500 Jahre hinweg.

Wir müssen den Durchbruch des gesetzten Rechts unter den Voraussetzungen der geistigen Entwicklung in diesem Buche sehen: Vom “Homo-Mensura-Satz” (“Der Mensch ist das Maß aller Dinge”) vom griechischen Philosophen Protagoras ausgehend, über die Rechtsgarantien der Antike, vor allem dem der jüdisch-christlichen Kultur über den römischen corpus iuris civilis und den französischen code civil bishin zum BGB, den EU-Verträgen und der noch zu gestaltenden EU-Verfassung.

Wir haben also in unserer Rechtsordnung immer noch die drei Rechtsprinzipien enthalten. Beispielhaft könnte man anführen: 1. Das Naturrecht als Würde des Menschen in Art. 1 GG, 2. Das Göttliche Recht als Präambel in Landesverfassungen und 3. das gesetzte Recht im Großteil der Normen und Vorschriften, die uns tagtäglich binden.

Die Vorteile des gesetzten Rechts gegenüber den anderen Rechtsarten liegen selbstverständlich in seinem Ursprung. Menschen machen Regeln für Menschen. Das ist die Grundformel des modernen Rechtsstaats. Philosophisch gesehen regiert im Gesetz die menschliche Vernunft.

Die Regentschaft der Vernunft wiederum wird von nahezu allen Philosophen gefordert, weil sie moralisch und ethisch als gut bewertet wurde. Wir erinnern uns an Platons Nomoi und den Philosophenstaat des Aristoteles oder Marc Aurels Überlegungen zum Staat.

Die Begründung des Guten im Gesetz war also nicht mehr das Befolgen eines wie auch immer gearteten „göttlichen Bewusstseins“ oder einer eines abstrakten „Naturzustandes“, der empirisch eh nie richtig zu definieren war (und übrigens immer noch ist – auch hierzu siehe John Rawls’ Theory of Justice), stand nun die Gesellschaft als solche vor der moralischen Aufgabe das Wohlergehen seiner Mitglieder definieren zu müssen.

Mir ist an dieser Stelle jedoch der Seins-Grund unserer Gesellschaftsordnung wichtig – zu den weiteren Einzelheiten kommen wir später.

Das Verstehen dessen, dass aus einer gottgegebenen Ontologie, also einer übermenschlichen Seinslehre über mehrheitlich definierte Abstraktionen menschengemachte Seinsgrundlagen geschaffen werden können, ist elementar.

Die Menschheit hat sich mit der Entwicklung ihres Rechtswesens, genauer gesagt mit der Methode der Entwicklung eben genau dieses Rechtswesens von der Gottesherrschaft befreit! Das heißt aber, wir haben die Kant’sche Aufforderung zur Befreiung aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit schon vollzogen! [1]

Gesetz ist also Befreiung von Gott. Besser gesagt, Befreiung von der Gottesherrschaft. Gesetz ist also Menschwerdung im Jung’schen Sinne. Das Gesetz ist weit mehr als eine Handlungsempfehlung für den Alltag der Menschen – Die Erfindung des kodifizierten, gesetzten Rechts hat uns erst zu mündigen Bürgern gemacht. Die Herrschaft des Gesetzes erst ermöglicht es den Menschen, selbst über sich zu bestimmen, weil die Menschheit erst mit diesem Instrument dynamische Normenentwicklung betreiben kann.

Es klingt absurd, aber es ist tatsächlich so: Das Gesetz ist Freiheit. Oder anders ausgedrückt: Wir können nur frei sein, wenn wir unter der Herrschaft des abstrakten Gesetzes leben können. Nicht Gott, nicht die Natur, kein Einzelner, nicht das Geld, nicht die Mode, nicht die Ethik und nicht die Moral, nicht die Wissenschaft und schon gar nicht der Krieg machen uns frei – nur die Herrschaft der Vernunft bürgt für die Freiheit der Menschheit.

Und jetzt erkennen wir, warum wir mit Gottes-Staaten nicht verhandeln können – sie stehen schlichtweg nicht auf einer Denkstufe mit uns. Sie leugnen diese ganzen hunderte von Jahren an Denken, an Kampf, an Versuch und Irrtum.

Es ist völlig klar, das jeglicher Gottes-Staat dieses Staats- und Freiheitskriterium nicht erfüllt – und so auch nicht in die Gemeinschaft der modernen Staaten gehören kann. Die Begründung der Ablehnung von religiös verfassten Staaten ist also nicht in der inhaltlichen Ausgestaltung des religiösen Grundlagentextes zu sehen, sondern vielmehr in der Rechtsgrundlage seiner Verfassung – genauer in dem ius divinum, welches ihm zu Grunde liegt. Nach unserer (Derzeit gibt es 192 Mitgliedsstaaten in der UN, auf deren Charta ich hier rekurriere) Auffassung kann ein ius divinum nach 1945 nicht mehr als Staatsgrundlage dienen. [2]

Ähnliches gilt für atheistische Diktaturen – wenn man Gott durch eine Partei ersetzt, bleibt das Prinzip der Anbetung dasselbe.

Mit der Relativierung der den Gesetzen zu Grunde liegenden Normen nämlich wurde die geistige Entwicklung der westlich geprägten Staaten enorm beschleunigt. Sowohl die hinderlichen ewigen Regeln der Kirche, wie auch die langatmigen Veränderungen in der Naturrechtsdiskussion mussten einer pragmatischen, schellen und dynamischen Rechtssetzung, begründet auf einem freiwillig festgelegten Wertekanon, weichen.

Eine spannende Diskussion wäre übrigens, warum diese Normen immer weiter in Richtung Schutz des Individuums von Statten gingen und warum die hart errungene Freiheit der Gesetzgebung von immer mehr Menschen fahrlässig, auch im Namen einer angeblichen Terrorbekämpfung, aufs Spiel gesetzt wird.

Wir sehen also die enorme Bedeutung der Rechtsordnung für unsere Gesellschaften. Umso wichtiger ist es, die gesetzgebende Gewalt, das Parlament, ernst zu nehmen.

Die Qualität unserer Gesetze bestimmt direkt die Qualität unseres Menschseins. Wir können frei wählen. Das sollten wir tun. Und wir können die Freiheit wählen. Das müssen wir tun, wenn wir auch in Zukunft von den Früchten des Rechtsstaates leben wollen.

3.2 Markt braucht Regeln

Monopole sind der Feind des Liberalen

Zum Grundverständnis der freiheitlichen Wirtschaftsordnung gehören die elementaren Prinzipien eines funktionierenden Wettbewerbs-Mechanismus: Freie Preisbildung, uneingeschränkter Marktzugang sowohl für Anbieter wie auch für Nachfrager, polypolistische Konkurrenz, d.h. die Anwesenheit von so vielen Marktteilnehmern, dass die Einflussmöglichkeiten des einzelnen Marktteilnehmers vernachlässigbar auf das Gesamtangebot bzw. die Gesamtnachfrage ist, und, last but not least, die bestmögliche Markttransparenz für alle Markteilnehmer.

Aus diesem Grundverständnis muss als politische Implikation die Forderung nach einer Wettbewerbsordnung auf den Teilmärkten einer Volkswirtschaft erwachsen, denn: Im Gegensatz zum KAPITALISMUS, der ja per definitionem Kapital-Akkumulation als maximales absolutes Gewinnversprechen geradezu voraussetzt, und, nebenbei bemerkt gesellschaftspolitisch äußerst negative Implikationen hat, setzt der LIBERALISMUS auf das logische Gegenteil: Polypolistische Marktkonkurrenz kann nur bei geringer Kapitalakkumulation stattfinden! Das Gewinnversprechen des Liberalen ist also relativ und optimal.

Wie bitte? Also noch mal: Im Kapitalismus funktioniert das System so: Mit (oftmals öffentlichem) Kapital ausgestattete Unternehmer gründen mit staatlichem Wohlwollen Unternehmen. Die Unternehmen produzieren Güter und machen Gewinne. Der “wohlwollende” Staat schützt diese (Groß-) Unternehmen und sichert ihnen Monopolstellungen auf Teilmärkten zu, um “Gemeinwohl-Aufgaben” gesichert zu sehen. Beispiele hierfür gibt es zuhauf: VW-Gesetz, Gasmonopole, Stromversorger, Ölindustrie, usw.

Im Liberalismus hingegen gründet der Unternehmer sein Unternehmen mit Eigenmitteln oder mit privat geliehenem Kapital. Der Staat schützt das einzelne Unternehmen also nicht, sondern er bietet nur Rahmenbedingungen für das Unternehmertum im Allgemeinen und die Märkte im Ganzen. Dadurch kann jeder ein Unternehmen gründen in jedem Wirtschaftsbereich, ohne staatliche Interventionen fürchten zu müssen oder andererseits erwarten zu können. Dadurch entsteht Wettbewerb, die Nachfrage und die Produktion werden verteilt (ob und wie gerecht, ist dann eine andere Frage, siehe hierzu John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit) so dass eine geringere Ansammlung von Kapital (=Kapitalakkumulation) stattfinden kann.

Die Tendenz des Kapitals zur Akkumulation im Kapitalismus, d.h. Anhäufung bei nur wenigen, führt letztendlich zu Monopolstrukturen sowohl auf Anbieter-, wie auch auf Nachfragerseite. Somit ist der Kapitalismus als Idee alleine nicht dazu geeignet, eine liberale Markt- und Gesellschaftsordnung zu gewährleisten. Die oft von der politischen Linken aufgebrachte Anschuldigung an die politischen Liberalen, Vertreter des KAPITALS zu sein, ist somit grundlegend FALSCH.

Das Kapital und der Kapitalismus fühlen sich immer dort am wohlsten, wo sich durch Regelungen und staatliche Interventionen gefestigte Strukturen zugunsten eines oder weniger Akteure festigen können – im Politischen ist das sowohl bei der Konservativen und, oft gestützt auf “Schutzregeln” für die unmündige Bevölkerung, bei den Sozialdemokraten moderner Prägung der Fall. Oftmals sitzen die größten Kapitalisten gerade da, wo man sie aufgrund ihrer Sonntagsreden nicht vermuten würde.

Wir müssen lernen, klar zwischen der IDEE der Freiheit und dem MITTEL des Kapitals zu unterscheiden. Beide können sowohl gebraucht wie auch missbraucht werden. Die in den letzten Jahrzehnten gezogenen Linien und Vereinfachungen zwischen “Sozialisten” und “Kapitalisten” sind historisch wie faktisch überholt – Heute sind oftmals die vermeintlich “sozialen” die größten Kapitalisten, indem sie gewachsene Monopol-Strukturen unterstützen – ja geradezu Mitglied in ihnen geworden sind. Die Arbeitnehmerbeteiligung in den Aufsichtsräten von Großunternehmen führt zu der absurden Situation, dass gut gemeinte Gewerkschaftsvertretung Wettbewerb verhindert, Monopole und Großkapital stärkt und somit die ursprüngliche Intention der Interessenvertretung des “kleinen Mannes” ad absurdum geführt wird.

Solche Strukturen müssen abgeschafft werden, Monopole müssen gnadenlos zerschlagen werden, oligopolistische Marktstrukturen müssen immer kritisch hinterfragt werden, und: staatliche Subventionierung von nicht gesellschaftspolitisch wünschenswerten Märkten muss konsequent beendet werden.

Das heißt aber nicht, dass der Staat in einem gesellschaftlichen Wettbewerbsmodell keine Funktion hätte. Im Gegenteil. Auch der immer wieder von der Linken vorgetragene Vorwurf eines “Nachtwächter-Staats” ist falsch. Wettbewerb braucht Rahmenbedingungen. Und nicht alle gesellschaftlich notwendigen und wünschenswerten Wertschöpfungen können unter Wettbewerbsbedingungen erbracht werden. Es existieren Bedingungen, die Marktversagen hervorrufen, weil nur ein Nachfrager auftritt, z.B. in der äußeren Sicherheit. Oder es finden Märkte statt, die negative Auswirkungen haben, z.B. bei Drogen oder Spielen.

Dort, und nur dort, wo Wettbewerbsmärkte gegen die Grenzen unseres Wertekanons verstoßen, oder wo ein gesundes Marktgeschehen aufgrund struktureller Bedingungen (noch) nicht existieren kann, muss der Staat als Wertesetzende Institution Regeln erlassen und diese aktiv überwachen. Die damit einhergehende Verantwortung des Allgemeinen (=der Staat) für das Allgemeine(=die Gesellschaft) und das Individuum(=der Bürger) im Besonderen ist hoch – konsequent angewendet führt dieses Prinzip zu mehr Verantwortung in den Kontrollgremien als bisher – anstelle von Subvention und Geldverteilung tritt Kontrolle und Geldeinsammlung.

Den Bediensteten des Allgemeinwesens muss Ihre Position als Vertreter der Vielen klar gemacht werden – unter anderem muss ihre Unabhängigkeit durch adäquate Bezahlung gewährleistet sein – allerdings müssen auch innerhalb der Verwaltungsstrukturen des Allgemeinen Kontrollinstrumente etabliert werden und gegen ineffiziente und/oder gegen das Allgemeinwohl agierende Beschäftigte des Öffentlichen harte Sanktionen etabliert sein. Das Beamtentum muss auf ein Mindestmaß reduziert oder ggf. komplett abgeschafft werden.

Subventionen sind immer dann gerechtfertigt, wenn sie neue Wettbewerbsmärkte schaffen helfen, z.B. bei der Entwicklung neuer Technologien, deren Bedeutung volkswirtschaftlich hoch ist, z.B. in der Energiebranche. Einfache Technologien sollten nicht staatlich gefördert werden. Staatliche Wirtschaftspolitik muss sich auf gesellschaftlich relevante Märkte beschränken und sich vom Gießkannenprinzip und dem “es-jedem-recht-machen” verabschieden.

Der Staat darf nicht als Unternehmer auf Wettbewerbsmärkten auftreten. Es ist nicht hinnehmbar, dass steuerlich subventionierte Betriebe den Wettbewerb verzerren und letztendlich entweder in staatlichen Monopolen oder in Marktversagen enden.

Markt braucht also Regeln. Deshalb sollten wir auch von einer “regulierten Marktwirtschaft” sprechen, oder aber mit besserem Terminus von einer ethischen – oder verantwortungsvollen Marktwirtschaft.

1.0 Die Polis

Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat. – Napoléon Bonaparte

Geschichte ist immer nur das, was zur Geschichte erhoben wird. Mit der Abwandlung des berühmten Satzes wollen wir unsere Reise durch die Ideengeschichte der Staats-Erfinder starten. Warum dieses Zitat? Nun, wenn wir die Quellenlage zu antiken Texten betrachten, so ist diese recht dürftig. Nicht nur, dass uns aus der vorsokratischen Zeit so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse der Staatsbildung vorliegen, es sei denn die Gesetzte Hammurabis gelten als solche; es ist gemäß der obigen Regel Usus geworden, die Geschichte des Denkens bei den Alten Griechen beginnen zu lassen.

Dabei wissen wir heute, dass es verfasstes Gemeinwesen seit mindestens 8000 Jahren gibt – die Grabungen in den prähistorischen Kulturen Unterägyptens zeugen davon. Auch in China gibt es Grabungen, die auf ähnlich alte Staatsformen hinweisen. Allerdings haben wir keine schriftlichen Zeugnisse ihrer Denkweisen.

Vermutlich noch im 9. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Griechen das Alphabet von den Phöniziern. Die Bildung von Stadtstaaten (Poleis) wird im 8. Jahrhundert v. Chr. abgeschlossen und es entstehen unterschiedliche Verfassungen, weshalb wir im Allgemeinen unsere Geschichte mit dem Vater der Geschichtsschreibung Herodot beginnen lassen. Herodot verfasste in seinen Historien den ersten Verfassungsvergleich und gilt somit als Begründer der modernen Geschichtsschreibung (Herodot, 3,80-84). http://www.gottwein.de/Grie/herod/hdt03080.php

Allerdings ist die Darstellung der verschiedenen Stadtstaaten narrativ – es wird in Formen der Erzählung und des Dialogs gearbeitet, weshalb die Extraktion der dahinter stehenden politischen Ideen eine mühsame, durch mehrfache Übersetzungen verfälschte Arbeit ist, die viel Aufwand mit wenig Ergebnis belohnt. Die uns zugänglichen Überlieferungen antiker Texte beruhen auf der Lesbarkeit der altgriechischen Sprache gepaart mit einer unverminderten Fähigkeit, diese in Lehranstalten auch zu erlernen. Dass dabei Kulturen und Schriften unberücksichtigt bleiben, deren Gemeinwesen weniger bekannt ist, ist offensichtlich. Daher ist Geschichte nur der willentlich wahrgenommene und rezipierte Ausschnitt der menschengemachten Wirklichkeit.

Zurück zur Polis: Der griechische Stadtstaat, wie er seit dem 8. Jhd. v. Chr. entstand, ist für unsere Betrachtung interessant, weil dort im Zuge der griechischen Hochkultur mehrerlei geschah: 1. Die Konzepte von Moral und Gerechtigkeit wurden (und/oder durften) diskutiert werden, 2. Die Bürger der Polis wurden aktiv an der Entscheidungsfindung beteiligt und der Bürgerbegriff definiert und 3. Es wurden zum ersten Mal heute noch belegbar theoretische Modelle zur Beschaffenheit des Gemeinwesens aufgestellt. Von diesen Grundüberlegungen profitieren wir heute noch und viele unserer Verfassungsgrundsätze beruhen auf die Überlegungen der altgriechischen Philosophen. Ganz nebenbei bemerkt entwickelten die Griechen das Geldsystem und die Münzprägung, welche auch für uns noch von zentraler Bedeutung sind, wie wir sehen werden.

Die Regierung der Polis wechselte zwischen Alleinherrschaft (Tyrannis) und Volksherrschaft (Demokratie). Zunächst wurden Könige gewählt, später wurden Räte gebildet, in denen Bürger entschieden. Bürger waren, wohlgemerkt, keine Frauen und keine Sklaven.

Ideengeschichtlich gesehen sind die ersten Meilensteine, aus denen wir etwas in unseren virtuellen Ideenkorb mitnehmen wollen, die Epen Homers. Weniger der Inhalt der Ilias oder der Odyssee soll uns hier interessieren, sondern eher die von ihnen angeregten Diskussionen. Die in den Epen behandelten Themen, wie z.B. der gerechte Krieg, die Rollen von Herrscher und Eliten, die Rolle des Volkes und das Rechtswesen induzierten in der Polis-Gesellschaft die gesellschaftliche Debatte um oikos, den Haushalt, daraus abgeleitet wurde übrigens das Wort Ökonomie, um logos, das Gesetz, demos, das Volk, und den tyrann, den König als Symbol für die Macht.

In der Polis fand ein weiterer für uns wichtiger Prozess statt: Die Kodifizierung des Rechts. Begründet auf Vertrauen und Freundschaft wurde bei zunehmender Rivalität das Verhältnis zwischen den Bürgern unsicher – man brauchte belastbare Regeln – die ersten juristischen Regelsysteme entstanden. So wurde z.B. bei Solon die Schuldsklaverei abgeschafft und das heute noch gebräuchliche Geschworenengericht eingeführt. Er führte, im 6. Jhd. v. Chr., das Leistungsprinzip bei der Ämterbekleidung ein, etwas, mit dem wir heute noch manchmal so unsere Schwierigkeiten haben. Kleisthenes eröffnete der Mittelschicht den Zugang zu Staatsämtern und Perikles festigte die Demokratie in Athen. Erstmals konnte die Bevölkerung eines Staates an dessen Herrschaft aktiv mitwirken. Herodot erfand die Geschichtsschreibung und fand dabei einen zentralen Gedanken heraus, der sich bis in die Moderne als tragend erweist: Macht korrumpiert. Macht hat also eine Eigendynamik, die offenbar zu Verfehlungen verführt. Das sollten wir uns merken!

Auch auf philosophischer Ebene sollten wir ein paar Ideen in die Zukunft mitnehmen: Thales von Milet ging ca. 535 v. Chr. von einem Seinsgrund aus und das allem was ist, ein gemeinsames Prinzip inne wohnt. Nebenbei entwickelte er den heute nach ihm benannten Thales-Kreis und weitere mathematische Gesetze. Thales war einer der Sieben Weisen der Antike und wird auch der Vater der Philosophie genannt. Pythagoras spricht seinen berühmten mathematischen Satz und begründet neben der Theorie auch den deduktiven Beweis.

Dazu eine kleine Begriffsdeutung: Bei der Deduktion erfolgt der Beweis eines Sachverhaltes vom Allgemeinen zum Speziellen, wenn also alle Menschen sterbliche sind und Sokrates ein Mensch ist, dann… genau, ist Sokrates sterblich. Die Ergebnisse von korrekten Deduktionen sind logisch wahr. Bei der Induktion hingegen erfolgt der Beweis von Speziellen auf das Allgemeine: Wenn in diesem Versuch das Metall bei 613°C schmilzt, dann … genau, wird es immer bei 613°C schmelzen. In den Sozialwissenschaften hat sich die theoriegeleitete Forschung mit deduktiver Beweisführung in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt. Ich bezweifle allerdings deren Wirksamkeit – schließlich gibt es viele Sachverhalte, für die es entweder keine Theorie gibt, oder die auf Phänomene beruhen, Spezielles also, für das keine Deduktion möglich ist, weil das erklärende Allgemeine noch gar nicht gefunden wurde. Die Ergebnisse von Induktionen sind nicht zwingend logisch wahr – sie liefern bestenfalls eine Wahrscheinlichkeits-Aussage über die Wahrheit. Hierzu an späterer Stelle mehr. (vgl. Humes Gesetz)

Wie wir sehen, fanden in der Polis unzählige wichtige Prozesse zur Ausbildung des modernen Denkens statt, die einen erstaunlich hohen Abstraktionsgrad aufweisen, zu welchem wir erst wieder im 17. Jahrhundert im Zuge der naturwissenschaftlichen Revolution finden werden. Wir wollen noch ein paar Ideen aus dieser so produktiven Zeit adaptieren:

Anaximander formuliert die These vom Weltgesetz, auf dem alle Prozesse in der Welt beruhen. Die Ontologie, die Lehre vom Sein, wird geboren und Heraklit, der uns mit dem „panta rei“, dem „alles fließt“ beglückt hat, schafft das allumfassende Eine, das Logos. Das Absolute ist geschaffen. Platon wird die Lehre Heraklits später so wiedergeben: „Alles fließt und nichts bleibt; es gibt kein eigentliches Sein, sondern nur ein ewiges Werden und Wandeln.“ Ein philosophischer Standpunkt, dem ich nur zustimmen kann. Oder sind sie schon zwei mal in den selben Fluss gestiegen?

Noch fehlt uns ein Teil des vorsokratischen Denksystems: Die Teilhabe des Menschen am Ganzen. Dazu verhilft uns Parmenides, der das menschliche Denken vom konkreten Gegenstand auf das Absolute hebt – in unserer Sprache also eine Abstraktion des Denkens ermöglicht.

Nun sind wir also, kurz vor der Athenischen Demokratie, ca. 450 v. Chr. In der Lage logisch zu denken, mathematisch zu deduzieren, wir haben das Sein und das Absolute erfunden und unser Denken in diese Kategorien gehoben. Was könnte uns also zu einer Entwicklung eines Staatswesens fehlen? Nichts. Eben. Das Nichts. In seiner Schrift „Vom Nichtseienden“ liefert Gorgias uns die fehlende Kategorie nach. Wenn nichts wirklich sicher existiere, so Gorgias, könne auch nichts bewiesen sein. Dieser Gedanke führt bei den Sophisten in Athen zur Entwicklung des Begriffen der Wahrscheinlichkeit und der Rhetorik. Beide Begriffe werden für uns noch von zentraler Bedeutung sein.

Zu guter letzt wollen wir uns noch den Relativismus in den Ideenkorb werfen, den Protagoras entwickelt hat. Er vertrat die Ansicht, dass alle Dinge relativ zur Wahrnehmung des Einzelnen sind, mehr noch, er führte auch die Grundlage unseres Wertekanons ein: Den so genannten „Homo-Mensura-Satz“. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Die Basis für die allgemeine Menschenwürde, wie sie in unserer Verfassung an allererster Stelle steht, war geboren.

1. Dies ist kein Geschichtsbuch, aber…

Hallo, lieber Leser! Jeden Tag werden wir in unserem Alltag mit politischen Thesen konfrontiert: Egal, ob im Gespräch mit unseren Mitmenschen, in Fernsehen, in der Familie oder den lieben Nachbarn: überall schwingen implizit politische Thesen mit im Gespräch. Wir sind als Menschen nicht nur soziale Wesen (mehr dazu finden Sie in Teil III dieses Buches), sondern auch zutiefst politische Wesen. In meiner Definition ist jedes Argument, welches sich auf moralische Wertungen beruft, politisch. Also nahezu jede Kommunikation, jeder Standpunkt, jede begründbare Meinungsäußerung.

Leider benutzen wir im obigen Sinne politische Grundthesen oftmals ohne über deren Ursprung, deren Bedeutung oder weitergehende Implikationen nachzudenken. Das mag im Alltag durchaus erlaubt sein, denn dort wo Kommunikation in erster Linie Verständigung bedeutet und größtenteils Konsensfindung über die Diffamierung Dritter ist, mag die Grundlage des Gesagten nicht an erster Stelle stehen. Dies ändert sich allerdings, wenn man versucht, die Grundlagen unseres Denkens und Handelns zu erforschen.

Selbst wenn ich sie in diesem Text eher auf subjektiver Basis zum Ziel führen möchte, sollten wir versuchen, unsere Argumentationsgrundlage einigermaßen auf den gleichen Stand zu stellen. Dazu scheint es mir notwendig, die wichtigsten Phasen der Entwicklung unseres Kulturraumes kurz zu skizzieren und aus diesen Skizzen die wichtigsten Argumente zu abstrahieren. Wir werden also gemeinsam eine kleine, kurze Reise durch das Denken des Westens in den letzten 2500 Jahren unternehmen – allerdings ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder auf Korrektheit der Wiedergabe. Ich möchte sie nicht mit meterlangen Quellenangaben traktieren und möchte nicht monatelang in Bibliotheken versumpfen, um den genauen Wortlaut eines Gedankens wiedergeben zu können. Also mögen sie mir eine gewisse Ungenauigkeit nachsehen, aber ich denke der akademische Betrieb in unserem Lande bringt genügend fachlich hochqualitative aber für die Allgemeinheit unlesbare Arbeiten der politischen Philosophie zustande – dieser Text muss sich dort nicht einreihen.

Vielmehr möchte ich mit Ihnen ein Gedanken-Experiment unternehmen. Nämlich den Versuch, einen Gesellschaftsentwurf zu entwickeln, der in freier Form substantiell wichtige Passagen von Quellen analysiert, neu kombiniert und zu Handlungsempfehlungen ausbaut. Sie mögen eine andere Rezeptionsgeschichte der Quellen haben – oder gar keine – die von mir behaupteten Dinge sind nicht mehr oder weniger wahr oder unwahr als die Behauptungen eines jedes anderen. Der Versuch ist das Finden des geistigen Elixiers über 2500 Jahre Denk-Geschichte bis zum heutigen Status Quo.

Ich bin weder Historiker noch Politikwissenschaftler – genauso wenig bin ich ausgebildeter Philosoph oder Theologe. Ich bin Medien- und Kommunikationswissenschaftler und daher eher Output-orientiert, was der Lesbarkeit durchaus zugute kommen könnte.

Natürlich soll die Analyse der Denkmodelle der Vergangenheit auch eine Wirkung in die Zukunft entfalten. Daher werden wir in einem zweiten Schritt versuchen, eine einigermaßen stringente Theorie zu erarbeiten, die Prognosen erlaubt. Bitte erschrecken Sie nicht – wir werden weder luhmännisch noch nach Adorno-Art Verbalakrobatik betreiben, sondern lediglich ein Werkzeug schaffen, mit dem wir versuchen können, rational begründbare Argumente für Handlungsempfehlungen zu finden.

Der geplante Inhalt…

Teil I. Wie sind wir bis hierhin gekommen – gedankliche Grundlagen der modernen westlichen Demokratie

1. Dieses Buch ist kein Geschichtsbuch aber…*
   1.1 Die Polis*
      1.1.1 Platon*
      1.1.2 Aristoteles*
      1.1.3 Das alte Griechenland – was bleibt?*

1.2 Der Untertanenstaat*
   1.2.1 Die Römer – Das Imperium*
      1.2.2 Stammeskulturen*
      1.2.3 Absolute Herrscher und Kirchenstaat*

1.3 Demokratie – Was ist das ?
   1.3.1 Das Denken erwacht – die Renaissance
      1.3.1.1 Dante* 
      1.3.1.2 Marsilius und Ockham*
      1.3.1.3 Exkurs – Der Universalienstreit*
      1.3.1.4 Machiavelli*
      1.3.1.5 Thomas Moore*
  1.3.2 Die “alten” Vertragstheoretiker
      1.3.2.1 Thomas Hobbes – Der Leviathan*
      1.3.2.2 John Locke*
      1.3.2.3 Adam Smith
   1.3.3 Die Vor-Denker Frankreichs und Deutschlands
      1.3.3.1 David Hume
      1.3.3.2 Montesquieu
      1.3.3.3 Rousseau
      1.3.3.4 Kant
      1.3.3.5 Hegel
   1.3.4 Die USA
      1.3.4.1 Alexis de Tocqueville
      1.3.4.2 Thomas Jefferson

1.4 Revolutionen – Wegweiser zum Jetzt
   1.4.1 1688 The Glorious Revolution – Die Glorreiche
   1.4.2 1789 Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit
   1.4.3 1848 Die Bürger kommen
      1.4.3.1 John Stuart Mill
      1.4.3.2 Henry David Thoreau
   1.4.4 1917 Die sozialistischen Utopien
      1.4.4.1 Karl Marx
      1.4.3.2 Max Weber
  1.4.5 1933 Totalitäre Regime – die Nazis
      1.4.5.1 Hannah Arendt
   1.4.6 1989 Die Revolution des Kapitals
      1.4.6.1 Anthony Downs – Rational Choice Theory
      1.4.6.2 Die modernen Vertragstheorien
      1.4.6.3 John Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit
      1.4.6.4 Die Spieltheorie
      1.4.6.5 Niklas Luhmann – Systemtheorie
      1.4.6.6 Autopoesis – Selbststeuernde Systeme

1.5 Ein wenig Theorie: Die Abstraktions-These
   1.5.1 Vom Rudel zum Stamm (Abstraktion der Herrschaft auf eine Person)
   1.5.2 Von der Stammesgesellschaft zum Absolutismus (Abstraktion der Herrschaft auf eine institutionalisierte Person)
   1.5.3 Vom Kaiser zur Personen-Republik (Abstraktion der Herrschaft auf eine personalisierte Institution)
   1.5.4 Von der Republik zum Verordnungs-Staat (Abstraktion der Herrschaft auf eine zentralisierte Institution)
   1.5.5 Vom Verordnungs-Staat zum selbstregulierenden System (Abstraktion der Herrschaft auf eine de-zentralisierte Institution)
      1.5.5.1 Standards und Kontrollsysteme als Sicherung des Herrschafts-Systems.
   1.5.6 Ergo: Freiheit ist die Herrschaft über sich selbst.

Teil II. Wo wollen wir hin – Die Vision*

2.1 Veränderte Welten
   2.1.1 Partikularinteressen – über was wir (nicht) reden (können)
      2.1.1.1 “Verbotene” Konzepte: Herrschaft und Macht
   2.1.2 Globalisierung – alles eins?
   2.1.3 Determiniert durch Technik*
   2.1.4 Nutzlose Politiker-Kaste? Das Problem der Repräsentativität
   2.1.5 Marktwirtschaft – Die Kommerzialisierung des Ichs?

2.2 Die Illusion des Endes aller Kriege
   2.2.1 Pazifismus und Friedensbewegung
   2.2.2 Ateismus und Gottes vermeintlicher Tod
   2.2.3 Neue Bedrohung durch Islamisten
   2.2.4 Moralische Gutmenschen – Wo bleiben die Antworten?
   2.2.5 Moral ist eine Kulturleistung*
   2.2.6 Luther für alle!
   2.2.7 Wehret euch – solange ihr (noch) könnt

2.3 Die Menschheitsaufgabe
   2.3.1 Von der Bedürnisstruktur des Menschen
   2.3.2 Wasser für alle
   2.3.3 Genügend Nahrung für alle – Problemfall Landwirtschaft
   2.3.4 Genügend Energie für alle – weg vom Öl
   2.3.5 Kernenergie
   2.3.6 Fusionsenergie
   2.3.7 Medizin für alle

2.4 Freiheit für alle
   2.4.1 Keine Gnade den Unterdrückern!*
   2.4.2 Militärische Mittel zur Verhinderung von Völkermord einsetzen
   2.4.3 Kernwaffen verhindern
   2.4.4 Gemeinsame Ressourcen müssen geschützt werden
   2.4.5 Naturschutz und Umwelt

Teil III. Wie kommen wir an unser Ziel – Der Weg und die Mittel in eine bessere Gesellschaft*

3.1 Zum Verständnis des Menschwerdens
   3.1.1 Naturrechte und Menschenrechte sind eine Kulturleistung
   3.1.2 Menschwerdung durch Bildung, Bildung, Bildung
   3.1.3 Effektive Ressourcenallokation
   3.1.4 Wissen als Produktionsfaktor
   3.1.5 Wertevermittlung führt zu Wertsteigerung
   3.1.6 Wissenschaft ist der gegenwärtige Stand des Irrtums*
   3.1.7 Über die Geschichtliche Methode*

3.2 Markt braucht Regeln*
   3.2.1 Kapitalströme mit internationalen Regelwerken lenken
   3.2.2 Kapital produktiv einsetzen!
   3.2.3 Beteiligung aller am Wertzuwachs des Kapitals
   3.2.4 Wettbewerb – ja bitte! Aber fair.
   3.2.5 Liberal ist sozial – Das Grundeinkommen für alle

3.3 Internationale Regime
   3.3.1 Wir brauchen einen Europäischen Staat – weg mit dem Nationalismus
  3.3.2 Bündnisse gegen Armut – Afrika, der Hinterhof Europas und Schandfleck der Welt
   3.3.3 Nahost-Konferenz und Palästina-Frage
   3.3.4 Indien und China – die neuen Riesen
   3.3.5 Die UNO neu erfinden

4 Resümee

Schlusswort

(Stand: Mai 2007 – kann sich jederzeit ändern)

* Text vorhanden