1.4 Revolutionen – Wegweiser zum Jetzt

Das Wort Revolution wurde im 15. Jahrhundert aus dem spätlateinischen revolutio („das Zurückwälzen, die Umdrehung“) entlehnt und zunächst als Fachwort in der Astronomie für die Umdrehung der Himmelskörper verwendet. Später wurde Revolution auch allgemein für „Veränderung, plötzlicher Wandel, Neuerung“ gebräuchlich. Die heutige Bedeutung als „gewaltsamer Umsturz“ bildete sich erst im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss des französischen révolution und der Französischen Revolution.

In den folgenden Kapiteln werde ich die Revolutionen in Europa und den USA seit dem 17. Jahrhundert auf ihre politische Bedeutung hin skizzieren. Ich verzichte auf die genaue Wiedergabe von Namen, Daten und Fakten und werde statt dessen versuchen, die elementaren Umwälzungen im Gedanklichen System der jeweiligen Gesellschaft auszuarbeiten. Wichtig für unser Gedankenexperiment ist vor allem, was wir aus den “Sollbruchstellen” der sozialen Wirklichkeit lernen können.

Wichtig scheint mit auch folgende Anmerkung zu sein: Revolutionen verdienen meines Erachtens keiner Glorifizierung. Sie sind in der Regel gewalttätige Umstürze, in denen Populistische Agitatoren die vorgedachten Ideen einer gedanklichen Elite mehr oder minder gelungen in pragmatische Politik umsetzen. In der Regel geht das mit dem Machterwerb auch schief – der Agitator vergisst seine geistigen Väter und berauscht sich an “seinem” Sieg. Mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung des jeweiligen Landes.

Also sind die Vordenker der Revolutionen die wichtigen Leute, nicht die ausführende Masse. Das sollten wir uns merken, vor allem, wenn wir an 1917 und den darauf folgenden Kommunismus denken, der mehr Menschen das Leben gekostet hat, als jede andere Ideologie auf diesem Planeten bisher.

1. Dies ist kein Geschichtsbuch, aber…

Guten Tag, lieber Leser. Damit sind selbstverständlich die Leser beider Geschlechter begrüßt. Ich verzichte im Folgenden nicht nur in der Geschlechter-Ortografie auf politische Korrektheit – für mich sind alle Menschen gleich. Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, im hektischen Treiben des beginnenden 21. Jahrhunderts sich mit dem Wesen und der Beschaffenheit unseres Gemeinwesens zu befassen. Das ist beileibe nicht selbstverständlich.

Politik-, und Politikerverdrossenheit, eine hyperaktive, zeitweilen irrationale Medienberichterstattung zum Thema Gesellschaft, Gemeinschaft und Staat verstellen uns den Blick auf das Wesentliche. Es wird viel kritisiert, ohne sich überhaupt jemals Gedanken zu den Alternativen oder Urprüngen der kritisierten Objekte zu machen.

Meine These ist: Wir haben viel erreicht in den letzten dreihundert Jahren. Wir leben als freie Bürger, geschützt durch einen umfangreichen Grundrechtskatalog in einer freien Republik. Auch das ist alles andere als selbstverständlich! Auch in unseren Tagen verbringt die Mehrzahl der Menschheit ihr Leben in fortwährenden Unfreiheit – sei es nun ökonomisch oder politisch.

Dass wir so leben können, wie wir es können, ist kein Zufall. Ich möchte im ersten Teil dieses Buches die historischen Grundlagen zitieren, die unsere moderne Gesellschaftsordnung ermöglicht haben. Dabei gehe ich von der griechischen Polis bis zur Moderne die wichtigsten Denker durch und abstrahiere aus der jeweiligen Epoche die wichtigsten Thesen.

Das ist wichtig. Viele meinen, sie könnten die Ursache unseres Denkens ignorieren. Der Meinung bin ich nicht. Ich meine, wir müssen die Vergangenheit reflektieren, aus ihr lernen, um weiteren Fortschritt wahr machen zu können. Wir müssen unseren gegenwärtigen Standpunkt in der Welt fundieren und begründen – dann haben wir auch keine moralischen Schwierigkeiten mehr, unsere Werteordnung in krisenhaften Zeiten gegen Bedrohungen zu verteidigen.

Vieles vom Vergangenen ist zu Recht vergangen. Manche Schubladen der Geschichte sollte man nie wieder öffnen. Dennoch sollten wir als kollektive Erfahrung auch das Negative kurz beleuchten, um aus den Fehlern der Vergangenheit effektiv lernen zu können.

Wir lernen also aus der Geschichte die Vokabeln, mit denen wir Freiheit heute buchstabieren (können).

Bitte nehmen sie sich die Zeit und lesen sie zumindest die am Ende des jeweiligen Kapitels erscheinende Zusammenfassung des Themas durch. Sie werden viel Neues entdecken und Vertrautes in anderem Lichte erkennen. Nur durch die Verknüpfung über lange Zeiträume hinweg zeigen sich Entwicklungslinien, aus denen wir im zweiten Teil des Buches eine Bestandsaufnahme und im dritten eine Handlungsaufforderung generieren werden.

Dank der modernen Technik muss ich das Rad nicht jedes mal komplett neu erfinden und bediene mich der freien Enzyklopedien (das muss Diderots Traum sein!) zumindest im historischen Teil recht ausgiebig. Der Leser mag das verzeihen. Aber ohne diese Hilfestellung käme dieser Text nie zustande.

Viel Spaß mit zweitausend Jahren Staatsgeschichte im Schnelldurchlauf wünscht Ihr Autor mit den Goethewort:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib’ im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

1.3 Die Neuzeit

Christoph Kolumbus (wikipedia.de)Die Neuzeit folgt auf das europäische Mittelalter und dauert bis heute an. Die Geschichtswissenschaft ist über den genauen Beginn uneins. Meist nennt sie entweder die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 oder die Entdeckung Amerikas 1492, manchmal geben – besonders deutsche – Historiker auch Luthers Reformation von 1517 als Anfang des historischen Zeitraums an. Weitere damit verbundene Zäsuren sind die Renaissance, der Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit beweglichen Schriftzeichenstempeln.

Eine wesentliche Rolle spielte die Entdeckung des Seewegs nach Indien und Ostasien. Damit wurden wesentliche Waren- und Finanzströme auf neue Handelswege umgeleitet, der Aufschwung von Lissabon und Antwerpen im 16. Jahrhundert als Welthandelsplätze begründete und die Voraussetzungen geschaffen, dass asiatische Waren (nicht nur Gewürze) den Europäern nun auch auf direktem Wege zugänglich wurden.

Die Ablösung des geozentrischen (Ptolemäus) durch das heliozentrische Weltbild (Nikolaus Kopernikus) und die mit der Erstürmung Konstantinopels durch das Osmanische Reich verbundene Flucht vieler griechischer Gelehrter in den Westen bildeten weitere Markierungspunkte auf unterschiedlichen Ebenen, die den Paradigmenwechsel einer Zeitenwende begründen.

Somit werden der Beginn des überseeischen Kolonialismus (und die beginnende Vorherrschaft Westeuropas) als Übergang zur neuen Zeit angesehen. Gerade die Revolutionierung des geographisch-astronomischen Weltbildes läutete das Ende jenes ideologischen Monopols ein, das die Kirche im Mittelalter innegehabt hatte.

Das Deutungsmonopol ging von der Kirche schrittweise zu den Naturwissenschaften über. Die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen wiederum (Krise des Feudalsystems) erlaubten den Beginn der Reformation, die ebenfalls die beiden Epochen voneinander abgrenzt.

1.2 Der Untertanenstaat

Alexander der Große, Schüler des Aristoteles, makedonischer König und Tyrann beendete mit seinen Armeen die Zeit der Poleis und begründete das erste uns schriftlich gut überlieferte Großreich. In nur 10 Jahren eroberte er halb Asien, vernichtete das alte Perserreich, gründete zahllose griechische Städte (Kolonien) von Ägypten bis an die indische Grenze. An die Stelle der gebildeten Oberschicht und deren Herrschaft trat die Anbetung eines gottgleichen Herrschers, der mit Feuer und Schwert politische Einheit schmiedete anstatt in Versammlungen über Gerechtigkeit zu debattieren.

Wie so oft  nach dem Tode eines Tyrannen, gelang es den Nachfolgern Alexanders nicht, die Einheit seines Reiches zu erhalten – es schwächte sich zunehmend und zerfiel letztendlich um von der nächsten Großmacht, den Römern, überrannt zu werden.

Über die Philosophie der Römer werden wir uns später noch unterhalten – an dieser Stelle sei die Anmerkung genug, dass im Zuge der Militarisierung des Staates auf gedanklicher Ebene eine Art Gleichgültigkeit oder Resignation eintrat – Die Philosophen zogen sich auf die individuelle Glückssuche zurück – Kyniker, Skeptiker und Stoiker lehrten jeweils in ihren Schulen. Das politische Denken verkümmerte – Askese, Selbstfindung, das rechte Leben standen im Vordergrund der Denker.

Die Griechen beeinflussten das römische Reich dennoch über zwei Jahrhunderte hinweg. Unter der Jugend Roms war es zeitweilig Mode, griechisch zu lernen. Die Stoa beeinflusste römische Denker und begründete von Syrern und Römern getragen den Determinismus. Alles war Vorsehung, auch der schreckliche Herrscher. Dieses Denken ebnete den Weg in den Untertanenstaat

Ursprünglich war Rom ein Stadtstaat unter etruskischer Königsherrschaft. Ab ca. 475 v. Chr. wandelte sich Rom in die res publica, die Römische Republik, ähnlich der Polis, mit einer Gemischten Verfassung aus Demokratie und Aristokratie. Das oberste Amt im Staat übten zwei jährliche Konsuln aus, welche die oberste Regierungsgewalt hatten. Die römische Adelsversammlung, der Senat, spielte eine bedeutende Rolle.

Rom war eine Ständegesellschaft: An der Spitze standen die alten Familien Roms, die Land besitzenden Patrizier, die politisch am einflussreichsten waren. Den größten Teil der Bevölkerung machten aber die Plebejer aus, die nur teilweise politische Rechte hatten. Sklaven wurden nicht als autonom handelnde Menschen, sondern als „sprechende Werkzeuge“ betrachtet, hatten also keine Rechte, konnten aber die Freiheit erlangen.

Durch die militärischen Eroberungen wurden jedoch neue Besitzverhältnisse geschaffen, die das Gleichgewicht in Frage stellten. Letztendlich wuchs Rom nach außen und verkrachte sich nach innen – es gab Eroberungskriege und Bürgerkriege im Innern. Diese Kriege waren teuer – schließlich wurden sie von Söldnerheeren begangen – und so verlagerte sich das Staatswesen mehr und mehr in die Geldwirtschaft – eine neue, reiche Soldatenkaste entstand.

Nach dem Sieg über Karthago geriet die Republik seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in eine innenpolitische Krise, die schließlich in die Epoche der Bürgerkriege mündete und mit dem Untergang der bisherigen Staatsform enden sollte.

Es folgte die Diktatur Sullas, bald darauf das erste Triumvirat der Gaius Iulius Caesar, Gnaeus Pompeius Magnus und Marcus Licinius Crassus, welche eine Art Aristokratie darstellten. Im Jahre 46 v. Chr. hatte sich Caesar dann zum Diktator auf 10 Jahre ernennen lassen.

Nach seinem letzten militärischen Erfolg wurde er zum dictator perpetuus (Diktator auf Lebenszeit), ernannt. Um die Einführung der Diktatur zu verhindern, wurde Caesar 44 v. Chr. von etwa 60 Verschwörern um Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus während einer Senatssitzung erstochen.

Dem Tod Caesars folgten weitere innere Wirren und Bürgerkriege, die bis zum Jahr 31 v. Chr. dauern sollten. Erst 27 v. Chr. mit der Ernennung des Octavian zum Augustus und der Einführung der Diktatur endete der Bürgerkrieg. Rom war 70 Jahre lang de facto von den Legionsführern beherrscht worden und wurde nun vom „princeps senatus“ geführt. Letztlich war das Prinzipat eine verschleierte Monarchie: Augustus verzichtete auf die absolute Macht, ließ vielmehr den Senatsadel daran teilhaben, behielt aber gleichzeitig alle wichtigen Funktionen in seiner Hand.

Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrhundert und zur Herrschaft vieler Nachfolger des ersten Kaisers brachte die augusteische Ära – das Saeculum Augustum – Rom eine lange währende Zeit von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Dies war der Grund, warum die Menschen sich letztlich mit der Einführung der Monarchie und dem Ende der Republik abfanden, zumal der Versuch einer Rückkehr zur republikanischen Ordnung wohl zu einem neuen Bürgerkrieg geführt hätte.

Der Untertanenstaat war geboren.

1. Dies ist kein Geschichtsbuch, aber…

Hallo, lieber Leser! Jeden Tag werden wir in unserem Alltag mit politischen Thesen konfrontiert: Egal, ob im Gespräch mit unseren Mitmenschen, in Fernsehen, in der Familie oder den lieben Nachbarn: überall schwingen implizit politische Thesen mit im Gespräch. Wir sind als Menschen nicht nur soziale Wesen (mehr dazu finden Sie in Teil III dieses Buches), sondern auch zutiefst politische Wesen. In meiner Definition ist jedes Argument, welches sich auf moralische Wertungen beruft, politisch. Also nahezu jede Kommunikation, jeder Standpunkt, jede begründbare Meinungsäußerung.

Leider benutzen wir im obigen Sinne politische Grundthesen oftmals ohne über deren Ursprung, deren Bedeutung oder weitergehende Implikationen nachzudenken. Das mag im Alltag durchaus erlaubt sein, denn dort wo Kommunikation in erster Linie Verständigung bedeutet und größtenteils Konsensfindung über die Diffamierung Dritter ist, mag die Grundlage des Gesagten nicht an erster Stelle stehen. Dies ändert sich allerdings, wenn man versucht, die Grundlagen unseres Denkens und Handelns zu erforschen.

Selbst wenn ich sie in diesem Text eher auf subjektiver Basis zum Ziel führen möchte, sollten wir versuchen, unsere Argumentationsgrundlage einigermaßen auf den gleichen Stand zu stellen. Dazu scheint es mir notwendig, die wichtigsten Phasen der Entwicklung unseres Kulturraumes kurz zu skizzieren und aus diesen Skizzen die wichtigsten Argumente zu abstrahieren. Wir werden also gemeinsam eine kleine, kurze Reise durch das Denken des Westens in den letzten 2500 Jahren unternehmen – allerdings ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder auf Korrektheit der Wiedergabe. Ich möchte sie nicht mit meterlangen Quellenangaben traktieren und möchte nicht monatelang in Bibliotheken versumpfen, um den genauen Wortlaut eines Gedankens wiedergeben zu können. Also mögen sie mir eine gewisse Ungenauigkeit nachsehen, aber ich denke der akademische Betrieb in unserem Lande bringt genügend fachlich hochqualitative aber für die Allgemeinheit unlesbare Arbeiten der politischen Philosophie zustande – dieser Text muss sich dort nicht einreihen.

Vielmehr möchte ich mit Ihnen ein Gedanken-Experiment unternehmen. Nämlich den Versuch, einen Gesellschaftsentwurf zu entwickeln, der in freier Form substantiell wichtige Passagen von Quellen analysiert, neu kombiniert und zu Handlungsempfehlungen ausbaut. Sie mögen eine andere Rezeptionsgeschichte der Quellen haben – oder gar keine – die von mir behaupteten Dinge sind nicht mehr oder weniger wahr oder unwahr als die Behauptungen eines jedes anderen. Der Versuch ist das Finden des geistigen Elixiers über 2500 Jahre Denk-Geschichte bis zum heutigen Status Quo.

Ich bin weder Historiker noch Politikwissenschaftler – genauso wenig bin ich ausgebildeter Philosoph oder Theologe. Ich bin Medien- und Kommunikationswissenschaftler und daher eher Output-orientiert, was der Lesbarkeit durchaus zugute kommen könnte.

Natürlich soll die Analyse der Denkmodelle der Vergangenheit auch eine Wirkung in die Zukunft entfalten. Daher werden wir in einem zweiten Schritt versuchen, eine einigermaßen stringente Theorie zu erarbeiten, die Prognosen erlaubt. Bitte erschrecken Sie nicht – wir werden weder luhmännisch noch nach Adorno-Art Verbalakrobatik betreiben, sondern lediglich ein Werkzeug schaffen, mit dem wir versuchen können, rational begründbare Argumente für Handlungsempfehlungen zu finden.